Im äußersten Nordwesten von Myanmar erstreckt sich der Chin-Staat. Bis 2011 war es Touristen noch komplett verboten, dort hinzufahren. Mittlerweile sind die Vorschriften etwas gelockert und es werden geführte Tagestouren von Mrauk U in einige Chin-Dörfer angeboten.

Allerdings ist es nicht die malerische Landschaft oder das Interesse an der einfachen Lebensweise der Chin, die Touristen auf diese Touren ziehen. Es sind die älteren Damen in den Dörfern mit ihren Gesichtstattoos und die Jagd nach dem ganz besonderen Fotomotiv.

Wir waren hin- und hergerissen, ob wir diese Tour machen sollten oder nicht. Letztendlich haben wir uns dafür entschieden und um es vorweg zu nehmen: Wir würden es nicht noch einmal tun.

Was uns in den Chin-Dörfern erwartet hat und wieso wir davon abraten, eine solche Tour zu machen, verraten wir dir in diesem Artikel.

Die Gesichtstattoos der Chin-Frauen

In den Dörfern leben die letzten Zeuginnen einer alten Tradition. Über Jahrhunderte hinweg tätowierten die Chin die Gesichter ihrer Frauen mit bestimmten Mustern. Je nachdem, zu welchem Stamm die Frauen gehören, zeigen ihre Gesichter zum Beispiel Spinnennetze oder Punkte.

In sehr jungen Jahren, oft schon mit 8 oder 9 Jahren, mussten die Chin-Mädchen die schmerzhafte Prozedur über sich ergehen lassen, bis die Regierung 1960 diese Praxis verboten hat. Deshalb sind es nur noch die ältesten Bewohnerinnen der Chin-Dörfer, die diese Gesichtstattoos tragen.

Woher die Tradition stammt, weiß heute keiner mehr so richtig. Legenden besagen, dass die Frauen durch die Markierung davor geschützt werden sollten, von anderen Stämmen verschleppt zu werden. Wie es halt so ist mit solchen Traditionen: Irgendwann wird etwas nur noch gemacht, weil man das immer schon so gemacht hat und keiner hinterfragt mehr den Grund.

Gesichtstattoo Frauen Chin Village
Die tätowierten Frauen der Chin Dörfer

Gesichtstattoo Frauen Chin Village
Die tätowierten Frauen der Chin Dörfer

Gesichtstattoo Frauen Chin Village
Die tätowierten Frauen der Chin Dörfer

Gesichtstattoo Frauen Chin Village
Die tätowierten Frauen der Chin Dörfer

Touren zu den Chin-Dörfern

Eine Tour zu den Chin-Dörfern kannst du überall in Mrauk U buchen. Die Preise sind relativ einheitlich. Wir haben 85 Dollar für die Tour bezahlt und uns die Tour mit einem anderen Paar aus unserem Hotel geteilt.

Im Preis sind der Transport mit Auto und Boot, ein privater Guide und ein kleines Mittagessen enthalten.

Morgens geht es zunächst ein paar Minuten mit dem Auto zur Bootsanlegestelle. Mit einem Longtailboot geht es danach drei Stunden lang den Fluss entlang. Wir haben auf dem Weg noch einmal auf einem traditionellen Markt gehalten, auf dem die Einheimischen der Region alle Waren des täglichen Bedarfs einkaufen.

Die Tour dauert den ganzen Tag und wir haben insgesamt drei Chin-Dörfer besichtigt.

Bootstour zu den Chin Dörfern
Bootstour zu den Chin Dörfern

Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern
Traditioneller Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern

Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern
Traditioneller Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern

Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern
Traditioneller Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern

Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern
Traditioneller Markt auf dem Weg zu den Chin Dörfern

Ist eine Tour in die Chin-Dörfer moralisch vertretbar?

Wir haben lange überlegt, ob wir eine dieser Touren machen sollen. Einerseits waren wir neugierig, andererseits hatten wir ein sehr ungutes Gefühl.

Wie werden sich die Frauen wohl fühlen, wenn Touristen in ihre Dörfer kommen und Fotos von ihnen machen? Wir wollten nicht an einer dieser Touren teilnehmen, bei denen man wie auf einem Zoobesuch in eine Gemeinschaft eindringt, kurz glotzt und wieder geht.

Auf der anderen Seite haben wir oft das Argument gehört, dass diese Touren für die Dorfgemeinschaften auch viel Gutes bringen. Die Touristen bringen Geld, was allen in den Dörfern zugute kommt und unter anderem dafür sorgt, dass die Kinder eine bessere Bildung bekommen.

Schwierige Entscheidung!

Wir haben uns letztendlich dafür entschieden, uns selbst ein Bild von der Tour zu machen. Wir würden es nicht noch einmal tun!

Tatsächlich werden die Frauen wie Zirkustiere den Touristen vorgeführt. Offenbar hat man ihnen auch noch beigebracht, den Touristen zur Begrüßung die Hand zu geben! In Myanmar ist ein Handschlag auch unter jungen Menschen absolut unüblich und man hat gemerkt, wie unangenehm den Frauen das war. Uns war es nicht weniger unangenehm und wir fragen uns, wer auf so eine bescheuerte Idee kommt!

Das erste Dorf, das wir besucht haben, war der touristische Hotspot. Hier kommen wohl alle Touren vorbei und in der Hauptsaison sind das wohl bis zu 20 Boote pro Tag. Wahnsinn. Hier hat man auch deutlich gemerkt, dass die Touristen als notwendiges Übel betrachtet wurden.

Die anderen beiden Dörfer waren noch nicht so überlaufen und wir haben uns hier etwas wohler gefühlt.

Nach der Ankunft im Dorf geht es schnurstracks zur Hütte, in der sich die Frauen befinden. Man sitzt beschämt nebeneinander und weiß nicht so recht, was man nun tun soll. Über unseren Guide haben wir versucht, den Frauen ein paar Fragen zu stellen.

Finden Sie die Tattoos schön oder häßlich? Hässlich! Sind sie froh, dass die Tradition abgeschafft wurde? Ja! Wie finden sie es, dass Touristen in ihre Dörfer kommen? Gut! Dürfen wir ein Foto machen? Ja!

Wir haben vor der Tour unseren Guide gefragt, ob und wie viel Trinkgeld wir den Frauen geben sollen, wenn wir sie fotografieren. Gar nichts! Die Frauen verkaufen Schals, die sie nach traditioneller Art gewebt haben und wir sollen ihnen lieber einen Schal abkaufen. Das klingt logisch und so haben wir pflichtschuldig den ein oder anderen Chin-Schal gekauft.

Chin Dorf Wolle
Die Wolle für die selbstgewebten Schals trocknen vor den Häusern in der Sonne.

Chin Dorf Tour
Drei Tage brauchen die Frauen zum Weben der Schals.

Kind im Chin Village
Es war schon ein sehr unangenehmes Gefühl, als Eindringling durch das Chin Dorf zu laufen.

Chin Village Tour
Chin Dorf

Mitbringsel für die Kinder

In vielen Reiseführern steht, dass man zu solchen Touren Geschenke mitbringen soll, vor allem Hefte und Stifte für die Kinder. Viele bringen auch Süßigkeiten, was aber natürlich auch nicht das ist, was diese Kinder wirklich brauchen.

Der Besitzer unseres Hotels in Mrauk U sagte uns: „Bringt denen bloß keine Stifte und Hefte mit.“ Das machen wohl alle Touristen, sodass die Kinder damit schon gut ausgestattet sind.

Er hat uns empfohlen, auf dem Markt Kleidung für die Kinder zu kaufen, da sie damit wirklich etwas anfangen können. Das haben wir dann auch gemacht und unserem Guide das Verteilen vor Ort überlassen.

Die Kinder haben sich sehr über die Sachen gefreut, zumindest im zweiten und dritten Dorf und man hat gesehen, dass sie damit wirklich etwas anfangen können. Einige der Kids hatten wirklich nur ein paar Fetzen am Leib.

Kinder im Chin Dorf
Es waren zwar gerade Schulferien, aber die Kinder wollten uns ihre Schule trotzdem zeigen.

Kinder im Chin Dorf
Sie haben sich natürlich über die Mitbringsel gefreut.

Unser Fazit zu den Chin-Touren

Wir würden diese Tour nicht noch einmal machen und können sie auch nicht empfehlen. Wir haben uns unwohl gefühlt und die Frauen sichtlich auch.

Wir haben auch keine Lösung, wie man so eine Tour sanfter und verträglicher gestalten kann. Wahrscheinlich geht das einfach nicht. Zumindest das dämliche Händeschütteln hätte man sich aber sparen können.

Ganz ausblenden sollte man natürlich auch die positiven Aspekte nicht. Es kommt Geld in die Dörfer, das für eine bessere Bildung der Kinder investiert wird. Andererseits werden die Kinder daran gewöhnt, dass Touristen ihnen Geschenke bringen.

Es ist einfach schwierig! Wie ist deine Meinung dazu? Hast du auch schon einmal eine ähnliche Tour mitgemacht? Wie sollte man sich richtig verhalten? Sollte man den Kindern etwas mitbringen? Fragen über Fragen! Wir sind gespannt auf deine Meinung und freuen uns auf deinen Kommentar.

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Wir sind Jenny und Basti - Reiseblogger, Reisefotografen und Weltenbummler aus Leidenschaft! Seit 2015 leben und arbeiten wir ortsunabhängig.Auf unserem Blog teilen wir unsere besten Reisetipps mit dir und verraten dir, wie du ganz einfach selbst atemberaubende Reisefotos machen kannst.

4 Kommentare - Wir freuen uns auch über deinen netten Kommentar!

  1. Hallo ihr beiden – ein super spannender Artikel, der eines der extremsten moralischen Dilemma aufzeigt, die man als bewusst reisender Mensch erleben kann. Als ich zwei Monate in Rio de Janeiro gelebt habe, habe ich auch lange überlegt – Favela Tour, ja oder nein? Und habe mich dagegen entschieden. Obwohl das nicht so eine extreme Situation gewesen wäre wie bei euch, aber man wird da auch hingekarrt, starrt die „Armen“ an und findet keinen Zugangspunkt. Besser fand ich zum Beispiel die Favela Hostels in denen Einheimische arbeiten, man kann dort als Tourist unterkommen und kriegt einfach ganz nebenbei etwas vom Favela-Leben mit. Funktioniert aber natürlich nur in den „sozialisierten“ Favelas, was auch nicht ganz unkritisch ist wenn man bedenkt mit welchen Maßnahmen da „aufgeräumt“ wird.
    Auf Borneo haben wir im Gespräch mit einer Einheimischen die Chance bekommen über einen Bekannten zu einem Langhaus zu fahren. Das war aber leider auch extremst furchtbar. Zwar wurden dort keine Touri-Horden hingekarrt, aber willkommen waren wir auch nicht – wurden einfach vor dem Haus abgesetzt und es hieß, morgen holen wir euch wieder ab. Der Chief des Hauses war anfangs noch interessiert und hat uns im Wohnzimmer Tee serviert, aber nacheiner Stunde wo wir uns mit Händen und Füßen verständigt haben und die Dämmerung einsetzte, wusste keiner so recht wo hin mit uns. Gottseidank haben wir einen jungen Typen draußen getroffen, der meinte – hey, ich bring euch wieder in die Stadt. Er hatte im Langhaus Verwandte besucht. Mit ihm und seiner Frau haben wir uns dann noch mehrmals getroffen und es war supernett.
    Ich habe Kultur- und Sozialanthropologie studiert und dieses „alte Traditionen“ vs. Tourismus Thema hat mich das ganze Studium über begleitet, zum Beispiel auch die „long-neck“ Frauen. Ich denke es gibt keine massentaugliche Lösung dafür. Ich würde solche Touren als Tourist boykottieren, kann aber total verstehen, dass ihr eine gebucht habt. Und ich finde euren Beitrag supergut, denn ihr berichtet ja über das Dilemma und alle Schattenseiten. Als Journalist / Blogger ist es vielleicht wirklich nochmal etwas anderes so eine Tour mitzumachen als als 08/15 Tourist… Als Anthropologin würde ich immer den Weg über lokale NGOs wählen. Also versuchen, Kontakt zu jemand aufzubauen, der mit den Menschen in den Dörfern arbeitet, mir ihre Sichtweise anhören, und wenn es klappt mit ihnen gemeinsam dorthin fahren. Und so kann man auch gleichzeitig die Arbeit der NGO vorstellen und nicht nur das Touri-Business. Das ist aber ein sehr spezieller Ansatz, der Zeit und Connections erfordert, was nicht immer möglich ist.
    Liebe Grüße,
    Ela

  2. Hallo,

    es ist sicherlich sehr fragwürdig, eine solche Tour mit zumachen. Aber es ist ein genereließ Problem: Wenn wir Kleidung kaufen, wissen wir nicht, unter welchen Bedingungen diese hergestellt wurde, unsere Steinkohlekraftwerke verfeuern kaum noch deutsche Steinkohle, sondern Steinkohle, die unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen in z. B. China oder Kolumbien gefördert wird. In Kolumbien werden Gegner von Bergwerken sogar ermordet. Ein Kunde weiß nicht viel über die Ware, die er kauft. Es sei denn, er geht in Eine-Welt-Läden und wechselt zu reinen Ökostromanbietern und für manchen ist dass auch eine Preisfrage. Dazu kommt noch: selbst schlechte Jobs sichern dem ein oder anderen das Überleben, weil keine Hilfsorganisationen in der Nähe sind.

    Aber ich gebe Euch Recht: wenn man konkret weiß, das etwas geschieht, was nicht menschenwürdig ist, sollte man davon Abstand nehmen.

    Viele Grüße
    Gerry

  3. Schwierig. Ich verstehe aber genau, wie Ihr Euch gefühlt habt. Besonders schlimm finde ich die Aussage der alten Frau, dass sie ihre Tatoos hässlich findet. Da wird sie also gezwungen, wegen Geld ihr (in ihren Augen) „hässliches“ Gesicht zu zeigen. Etwas anders ist es noch, wenn die Leute, die man besucht, stolz auf ihre Lebensweise sind und das auch gern zeigen. So war es zum Beispiel auf den Urus-Inseln im Titicacasee. Aber auch da habe ich mich sehr fremd gefühlt. Wie gesagt: schwieriges Thema …

  4. Hallo ihr Drei,

    vielen Dank für eure Kommentare und eure interessanten Gedanken. Das Thema ist wirklich schwierig und ein Richtig oder Falsch kann es da gar nicht geben. Dafür sind die Zusammenhänge einfach zu komplex.

    Liebe Grüße
    Sebastian

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