Der Fotograf Espen Eichhöfer hat für eine Ausstellung im C/O Berlin eine Serie mit Straßenfotografien aus Charlottenburg erstellt. Eines der Bilder zeigt eine Frau im Leopardenmantel, die mit Einkaufstaschen eine Straße überquert.

Die abgebildete Person verklagt Eichhöfer daraufhin auf ein Schmerzensgeld von 4.500 Euro. Zwar wird die Klage abgewiesen, dennoch urteilt das Gericht, dass Eichhöfer das Persönlichkeitsrecht der Klägerin verletzt habe.

Was wiegt schwerer? Kunstfreiheit oder das Persönlichkeitsrecht? Espen Eichhöfer möchte die Straßenfotografie aus der rechtlichen Grauzone holen und hat deshalb Berufung gegen das Urteil eingelegt. Um die Prozesskosten zu decken, hat er eine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext gestartet.

Espen hat sich für ein Interview Zeit genommen und unsere Fragen zum Gerichtsprozess, seiner Arbeitsweise und der Crowdfunding-Kampagne beantwortet.

Unser Interview zum Thema Streetfotografie und Fotorecht mit Espen Eichhöfer

Kannst du unseren Lesern nochmal genau beschreiben, was dir passiert ist?

Als das C/O Berlin ins Amerikahaus umgezogen ist, wurden verschiedene Fotografen der Agentur Ostkreuz gefragt, ob sie für eine Ausstellung über Charlottenburg und die Menschen im Stadtteil Fotos machen. Ich war einer der Fotografen.

Ich stand für das Projekt tagelang auf einer Kreuzung beim Bahnhof Zoo und habe das Leben auf der Straße fotografiert. Klassische Straßenfotografie also.

Am Ende hatte ich mehr als 1.600 Fotos. In die Auswahl für die Ausstellung kam auch ein Bild einer Dame im Leopardenmantel, die mit zwei Einkaufstüten die Straße überquerte.

Straßenkreuzung
An dieser Stelle stand Espen Eichhöfer, als er das Foto machte (Copyright: Espen Eichhöfer)

Und mit diesem Bild gingen die Probleme los?

Genau. Offenbar hat sie das Bild in der Ausstellung gesehen. Nach einiger Zeit erhielt ich eine Unterlassungserklärung ihres Anwalts. Wir haben das Bild also abgehängt und ich habe die Unterlassungserklärung unterschrieben.

Ich hätte das nicht unbedingt tun müssen. Wenn die Dame aber ein Problem mit der Abbildung hat, wollte ich ihrem Wunsch gern entsprechen.

Wenig später wurde jedoch über ihren Anwalt eine Klage gegen mich eingereicht, in der sie 4.500 Euro Schmerzensgeld für die Veröffentlichung forderte.

Das ist viel Geld. Welcher konkrete Schaden ist der Klägerin denn entstanden?

Es gab verschiedene Erklärungsansätze der Klägerin. Auf dem Bild war im Hintergrund relativ klein der Schriftzug eines Leihhauses zu sehen.

Die Klägerin argumentiert, dass ein Zusammenhang zwischen ihr und dem Leihhaus hergestellt wurde und sie deshalb Anspruch auf Schmerzensgeld habe.

Wer ist Espen Eichhöfer?

Espen EichhöferEspen Eichhöfer hat Reportagen für den Stern, den Spiegel und das Zeit Magazin fotografiert.

Seine Bilder wurden unter anderem im C/O Berlin gezeigt und seit 2006 ist er Mitglied der renommierten Fotoagentur OSTKREUZ.

Er stammt ursprünglich aus Norwegen und lebt mittlerweile in Berlin.

Was hat das Gericht zu dieser Klage gesagt?

In erster Instanz wurde die Klage abgewiesen. Das Gericht hat der Klägerin somit kein Schmerzensgeld zugestanden. Gleichzeitig hat das Gericht in seinem Urteil aber auch gesagt, dass ich die Persönlichkeitsrechte der Klägerin verletzt habe.

Das ist wirklich problematisch. Wenn ein Gericht sagt, dass die Persönlichkeitsrechte höher wiegen, als die Kunstfreiheit, dann ist die Straßenfotografie faktisch am Ende.

Das öffentliche Leben wird seit über 100 Jahren fotografisch dokumentiert, die Straßenfotografie hat großartige Kunstwerke hervorgebracht und gibt uns einzigartige Einblicke in das gesellschaftliche Leben verschiedener Epochen.

All das wäre in Zukunft nicht mehr möglich. Eine unverstellte, fotografische Dokumentation des Alltags würde es nicht mehr geben. Deshalb habe ich Berufung gegen das Urteil eingelegt, um endlich Rechtssicherheit für Street-Fotografen zu erreichen.

Die Kunstfreiheit ist gesetzlich festgeschrieben. Sie ermöglicht es Fotografen, ungefragt Bilder von Personen zu veröffentlichen, wenn diese einem höheren Interesse der Kunst dienen. Die Frage ist natürlich: Was ist Kunst? Wenn deine Aufnahme in der renommiertesten Galerie von Berlin ausgestellt wird, kann man doch eigentlich davon ausgehen, dass sie auch künstlerisch wertvoll ist.

Ja, eigentlich schon. Es ist natürlich trotzdem immer schwer, hier Recht zu bekommen. Ich blicke nun schon auf eine längere Ausstellungskarriere zurück und habe es in meiner Argumentation sicher etwas leichter. Gerade als junger Fotograf ist es aber sicher schwer, sich auf die Kunstfreiheit zu berufen.

Hier brauchen wir mehr Rechtssicherheit. Die Praxis des Fotografierens in der Öffentlichkeit darf nicht kriminalisiert werden. Dafür möchte ich notfalls bis in die höchste Instanz gehen.

Es gibt natürlich auch viele Kritiker der fotografischen Praxis. Warum hast du denn die Dame nicht einfach um Erlaubnis gefragt, ob du das Bild für die Ausstellung nutzen kannst?

Ich kenne natürlich die kritischen Stimmen und kann auch verstehen, dass Leute es kritisch sehen, wenn ungefragt Bilder von Personen veröffentlich werden. Leider ist es bei einem Projekt wie diesem einfach nicht möglich, jede fotografierte Person um Erlaubnis zu fragen.

Wie schon erwähnt, habe ich über mehrere Tage mehr als 1.600 Fotos für diese Serie geschossen. Im Nachhinein jeder fotografierten Person hinterher zu rennen, geht bei einem solchen Projekt einfach nicht.

Klar hat man manchmal ein Gefühl, dass ein Foto sehr gut ist. Oftmals stellt man aber erst hinterher beim Sortieren der Aufnahmen fest, welche Fotos wirklich gut geworden sind.

Menschen auf einer Treppe
Ein weiteres Bild aus der bei C/O Berlin ausgestellten Serie (Copyright: Espen Eichhöfer)

Du fragst also grundsätzlich niemals nach Erlaubnis?

Nein, so ist es auch nicht. Ich betone immer wieder, dass es total abhängig vom Verwendungs- und Verwertungszweck ist, wie ich im Einzelfall vorgehe.

Wenn ich eine Auftragsarbeit für den Stern oder den Spiegel mache, dann ist das eine private Nutzung. Da frage ich natürlich um Erlaubnis, ob ich die Fotos veröffentlichen darf. Teilweise frage ich sogar vor dem Foto.

Das bedeutet dann aber auch, dass eine bestimmte Situation nachgestellt werden muss, man muss die Situation nachinszenieren.

Bei einer künstlerischen Arbeit wie dieser, ist das aber keine Option. Die Bilder zeigen einen ganz bestimmten Augenblick, der sich nicht nachinszenieren lässt.

Es ist aber auch nicht so, dass ich mit einem Teleobjektiv im Gebüsch sitze und Leute heimlich ablichte.

In diesem Fall stand ich mitten auf dem Gehweg und habe ganz offen fotografiert. Wenn dann jemand auf mich zukommt, spreche ich natürlich auch ganz offen über das geplante Projekt und habe nichts zu verheimlichen.

Du hast nun eine Crowdfunding-Kampagne bei Startnext gestartet. Was möchtest du damit konkret erreichen?

Als erstes gehen wir in die nächsthöhere Instanz. Unser Ziel ist es, Rechtssicherheit zu schaffen in der Frage, ob die Persönlichkeitsrechte wichtiger sind als die Kunstfreiheit. Notfalls wollen wir bis zur letzten Instanz gehen.

Um die Kosten dafür zu decken, benötigen wir etwa 14.000 Euro, die über die Kampagne bei Startnext eingesammelt werden sollen.

Was passiert, wenn du bereits bei der nächsten Instanz Recht bekommst? Dann brauchst du wahrscheinlich nicht die vollen 14.000 Euro?

Das ist richtig. Wahrscheinlich ist es schwierig, das zu viel gezahlte Geld anteilig an die Unterstützer zurückzuzahlen. Das klären wir aber momentan noch.

Wenn das nicht möglich ist, möchte ich mit der restlichen Summe ein Symposium zum Thema Street-Fotografie organisieren, um mit namhaften Akteuren aus diesem Bereich dieser Kunstform eine Bühne zu geben und eine Diskussion zu starten.

Ist es eigentlich das erste Mal, dass du rechtliche Probleme durch eine Veröffentlichung bekommen hast?

Bei mir persönlich schon. Viele meiner Kollegen bei Ostkreuz haben aber bereits ähnliche Probleme gehabt. Ich habe das Gefühl, sowas nimmt in letzter Zeit auch deutlich zu.

Wie hat eigentlich die Klägerin auf das Urteil reagiert?

Nicht nur wir haben Einspruch eingelegt, sondern auch die Klägerin. Sie möchte ihr Schmerzensgeld auch in der nächsten Instanz erstreiten.

Vielen Dank für das Gespräch, Espen!

Willst du mehr zu dem Thema erfahren?

Wenn du mehr über die Problematik „Menschen fotografieren“ wissen möchtest, schau dir unseren Artikel Bilder von Personen veröffentlichen – Darauf musst du achten an.

Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Sollte die Streetfotografie rechtlich besser geschützt werden oder ist für dich das Persönlichkeitsrecht wichtiger? Wir freuen uns  auf deinen Kommentar.

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17 Kommentare - Wir freuen uns auch über deinen netten Kommentar!

  1. Ich bewundere die Fotografen, die solche einzigartigen Momente festhalten! Heute wie früher…Es spiegelt die Vielfalt der Menschheit. Durch das Betrachten entwickele ich ein Gefühl von Empathie …Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt, das die Streetfotografie verboten
    wird und das eine Rechtssicherheit auf diesem Gebiet geschaffen wird. Ich habe gestern einen Hund fotografiert..wenn ich an den Kommentar der Besitzerin denke, die im Spass sagte…der Schnappschuss kostet…Euro…dann kommt mir nur eines in den Sinn…wenn sie fotografieren würde…wüsste sie, wie wunderschön es ist und welche Gefühle in uns dabei entstehen…die „man“ einfach nicht in Worte fassen kann…und bei der Klägerin…kommt mir nur in den Sinn: Geldgier, hat sie etwas zu verheimlichen…oder ist sie einfach nur zu bedauern…

    • Hallo Katja,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich mag die Streetfotografie auch sehr gern und liebes es, mir Ausstellungen oder Bildbände in diesem Bereich anzusehen. Leider wird es wirklich immer schwieriger für Fotografen. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass es immer mehr Fotografen gibt und mittlerweile eigentlich jeder zumindest mit dem Handy knipst. Dadurch sind die Leute sensibilisiert und der ein oder andere wittert eine schnelle Chance, um abzukassieren.

      Ich bin wirklich gespannt, wie der Prozess weiter geht und werde davon auf jeden Fall auch hier berichten.

      Viele Grüße
      Sebastian

  2. Ich persönlich kann die Klägerin verstehen. Ich möchte auch grundsätzlich nicht ungefragt von Fremden fotografiert werden. Und erst recht nicht veröffentlicht. In ihrer Klage dagegen sehe ich jedoch nur das Ziel, die einmalige Chance zu nutzen ein hübsches Sümmchen Geld zu kassieren. Eigentlich wäre mit Abhängen des Bildes und der Unterlassungsrklärung das Thema gegessen gewesen.

    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass meine Persönlichkeitsrechte IMMER schwerer wiegen als künsterlische Freiheit. Das ist für mich so selbstverständlich, dass ich es nicht einmal zu begründen einsehe.

    • Hallo Oliver,

      da gehen die Meinungen auseinander, was aber auch ganz normal ist. Ich persönlich fände es nicht schlimm, ein Bild von mir in einer Ausstellung zu sehen. Zumindest solange ich nicht in irgendeiner Form schlecht dabei weg komme. :)

      Wenn Persönlichkeitsrechte aber immer schwerer wiegen, als die Kunstfreiheit, dann ist die Streetfotografie faktisch tot. Ich fände das sehr schade.

      Viele Grüße
      Sebastian

  3. Hallo Sebastian, ich fände es auch nicht schlimm, in einer Ausstellung zu hängen. Aber nachdem Fotos, Mail-Adressen und andere persönliche Daten von mir immer unbedarfter von verschiedenen Leuten (auch aus meinem Bekanntenkreis) herumgereicht und veröffentlicht (z.B. ungefragt auf Facebook) wurden, bin ich bei diesem Thema sehr sensibel und sehe die Notwendigkeit, klare und sehr harte Grenzen zu ziehen. Allein schon, um eben ein Bewusstsein bei den Leuten zu schaffen, was sie da tun.

    Ohne jetzt dich zu meinen möchte ich auch behaupten, dass vlt. maximal 1% aller heute gekipsten Personenfotos den Anspruch erheben können, Kunst zu sein ;-)

    Viele Grüße
    Oliver

  4. „…über mehrere Tage mehr als 1.600 Fotos für diese Serie geschossen. Im Nachhinein jeder fotografierten Person hinterher zu rennen, geht bei einem solchen Projekt einfach nicht…“

    Die Menge der Fotos ist ein Dilemma der digitalen Fotokanone. Man verbraucht ja keinen teuren Film mehr und muss sich beim Schießen der Bilder nicht einschränken. Damit ist es aber dennoch das Problem des Fotografen und nicht das der abgelichteten Personen.
    Ich finde, dass sich der Fotograf hier nicht über den Aufwand rausreden darf. Sind die Personen eindeutig zu erkennen und nicht nur Beiwerk, so ist ihre Zustimmung zur Veröffentlichung notwendig.

    Da ich die Serie nicht gesehen habe, frage ich mich, ob das tatsächlich auf alle der mehr als 1600 Fotos zutrifft.

    „…Die Praxis des Fotografierens in der Öffentlichkeit darf nicht kriminalisiert werden…“

    Fotografieren darf man in der Öffentlichkeit glücklicherweise so viel man möchte. Es geht bei diesem Urteil allerdings um den darauf erfolgten Schritt: Die ungefragte Veröffentlichung des Bildnisses einer Person.

  5. Entschuldigung, wenn ich nachhake. Die Informationen sind offenbar nicht vollständig: Wenn die Klage abgewiesen wurde, kann der Beklagte keine Berufung einlegen. Sie wäre unzulässig und würde ohne weiteres zurückgewiesen. Das Geld für das Berufungsverfahren wäre ganz offensichtlich verschwendet. Nur wer durch ein Urteil beschwert ist, kann dagegen Berufung einlegen. Was genau ist also passiert? Wofür soll gespendet werden?

  6. Ich habe durchaus Verständnis für beide Seiten. Ich fotografiere selbst sehr gerne und finde es großartig, das Leben um mich herum authentisch abzulichten. Das schließt die Menschen mit ein.
    Leider neigen wir in Deutschland dazu, die Dinge bis ins Unermessliche zu übersteigern. Das Thema Datenschutz wird hierzulande enorm sensibel diskutiert. Ich laufe jeden einzelnen Tag durch die Gegend und beschwere mich nicht, wenn jemand mich ansieht. Ich habe aber schwere Probleme damit, fotografiert zu werden. Ich wehre mich wehement gegen Google-Streetview, aber ich tarne mein Haus in der Realität nicht, obwohl der vielzitierte Einbrecher wohl kaum eventuelle Fluchtwege auf durchschnittlich 3-4 Jahre alten Bildern auspionieren, sondern die Realität bevorzugen wird.
    Im Grunde beschreibt dieses Phänomen sehr gut, was in unserer Gesellschaft schief läuft: wir ziehen uns stets weiter zurück von allem, was Zusammenleben ausmacht. Es gibt kein Wir mehr, keinen Respekt. Und genau das fürchten wir. Wir haben Angst, dass mit unseren Fotos unangenehme Dinge passieren.
    Das Problem ist also nicht das Fotografieren, sondern das, was mit den Fotos gemacht wird, bzw gemacht werden könnte.
    Wir als Fotografen müssen vernünftig, verantwortungsvoll und vor Allem respektvoll fotografieren. Und wir müssen den Menschen deutlich machen, dass wir sie aus künstlerischen Gründen abzulichten versuchen, und nicht, um ihnen weh zu tun.
    Ein schönes, aussagekräftiges Bild von mir in einer Zeitschrift oder einer Ausstellung würde mich sehr freuen. Das Recht, den Fotografen zu bitten, das Bild zu entfernen muss dabei gegeben sein.

    Das Dilemma bleibt bestehen, die Lösung des Problems ist kaum in Sicht.

    Ein jeder frage sich, warum er/sie nicht in einer Ausstellung zu sehen sein will. Ist es, weil man sich ertappt fühlt? Ist, weil man mit sich selbst nicht zufrieden ist? Ist es, weil man die Kontrolle darüber verliert, wer einen sieht (die haben wir sowieso nicht)?

    Wenn es ums schnöde Geld geht … arme Welt.

  7. Die Kriminalisierung und Echtung von Fotografen wird inzwischen zu einem echten Problem! Ging es bislang ’nur‘ um abgelichtete Personen, steht auch die allgemeine Panorama-Freiheit auf dem Spiel. Selbst Hauseigner- und Mieter können sich gegen eine Ablichtung und Veröffentlichung von Hausfassaden wehren. Selbst Eltern werden inzwischen öffentlich angeprangert, wenn sie Bilder ihrer Kinder via Facebook und Co. mit Bekannten teilen. Es entfacht eine Diskussion über die ‚Wahrung der Persönlichkeitsrechte des Kindes‘, dass hier von fremder Hand übernommen werden soll. Die Eltern teilten solche Bilder, nach der Meinung dieser Gutmenschengruppe, einzig zur eigenen Inszenierung.

    De facto kann man bei so massiver Gegenwehr gegen das Fotografieren des öffentlichen oder auch seines privaten Lebens kaum noch von ‚Freiheit‘ reden kann. Von ‚Kunst‘ will ich hier gar nicht anfangen!

    Ich möchte mehr auf Bildern festhalten dürfen, als Blümchen. Wobei auch hier ein Gärtner auf die Idee kommen könnte, sich das Recht am Fotografieren der Pflanze und der Blume im Speziellen zu verbeten. Schließlich ist es sein Werk, dass nur auf Grund seiner Hege, Sonne und Wasser zur Prächtigkeit gelangen konnte. Er ist quasi der Künstler am Werke der Blume. Ist noch niemand auf diese Idee gekommen? Okay, abwarten!

    Ich bin heute durch Mainz geschlendert mit dem Teleobjektiv im Anschlag. Ich versuchte die Regenschirme von hinten zu erwischen. Um Himmels willen keine Gesichter, dachte ich! Ich bin verunsichert und fühle mich, als wäre ich neben der Motivjagd mit einem Bein im Kittchen, oder verprügelt im Rinnstein.

    Ob ich im umgekehrten Fall etwas gegen ein Bild von mir in einer öffentlichen Galerie hätte? Nein, warum sollte ich? Sofern ich nicht gerade in der Nase bohre, gähne ohne die Hand vorzuhalten, oder gerade total dusselig aussehe – warum nicht? Das Foto tat mir nicht körperlich weh, mir wurde nichts auferzwungen. Mir wurde nicht mal Zeit, geschweige denn meine Seele geraubt.

    Sollte das Foto aktiv für niedere Zwecke, wie Werbung eingesetzt werden, dann hielte ich notfalls nachträgliche Beteiligung an dem Honorar für angemessen, sofern das Bild Mittelpunkt einer Werbung darstellt und nicht 1 von 100 ist. Streetfotografie ist ein Abbild des Lebens, mit seinen Menschen, den Gebäuden, dem Dreck der Straße und den Gesichtern der Stadt. Wenn all dies unter Persönlichkeitsrecht und besonderem Recht steht, dann können wir künftig auf die Bildkunst verzichten; nein, verzichten ‚müssen‘!

    Natürlich gibt es einen massiven Unterschied zur früheren analogen Fotografie! Es waren weniger Fotografen unterwegs und man sah es als Passant mehr als gelassen, hat unter Umständen sogar posiert, statt schnell wegzulaufen oder sich umzudrehen. Heute hat jeder Smartbesitzer eine 8MP-Kamera dabei und es wurde noch nie soviel fotografiert wie in den vergangenen letzten Jahren: alles peinliche, abstrakte und unnatürliche findet seinen Weg in ein Medium, dass es vor einigen Jahren auch noch nicht gab: Das Internet. Auch meine Fotos landen da, es geht gar nicht anders, wenn ich als Fotograf diese Möglichkeit nicht nutzen würde, mir durch meine Arbeit einen Namen als Fotograf zu machen! Die Fotos dort nicht zu zeigen wäre ein Widerspruch in sich! ich fotografiere nicht, um die Ergebnisse verstecken zu müssen!

    Freiheit für die Streetfotografie!, Panoramafreiheit!

  8. Die Persönlichkeitsrechte können nicht durch „Kunst“ ausgehebelt werden. Für eine Handvoll Fotografen durch alle Instanzen zu gehen ist wie Geld verbrennen. Wenn es nach Jahren soweit kommen sollte wird der BGH das Persönlichkeitsrecht nicht einschränken. Das Geld für Nonsens Prozesse sollte lieber dem Tierschutz gespendet werden.
    Das Ende der Street Fotografie, nein. Die Lösung ist ganz einfach, fragen. Das geht immer.
    Wenn man erwischt wird, ist es mit dem Abhängen des Fotos nicht getan. Ich verstehe nicht warum das Amtsgericht der Klägerin keinen angemessenen Betrag von ca. 600 Euro zugestanden hat. Natürlich ist die Forderung der Klägerin maßlos überzogen.
    Das unerlaubte heimliche Aufnehmen von Menschen und öffentliche zeigen kann für diese eine Menge Probleme bringen.

  9. Ich bin der gleichen Meinung. Die Abhängung hätte gereicht. Und alles wird hier übertrieben. Ich bin Engländerin hier seit vierzig Jahren lebend. Wenn ich in ein anderes Land fotografiere bekomme ich selten so böse Blicke wie hier in Germany. In Belgium oder England, Holland. Da gibt es da auch aber sehr sehr selten und vielleicht waren es nur Touristen, ha ha. No seriously, es ist sehr unfrei hier und ich versuche immer von weit weg mit Zoom sodas ich diese Situationen jetzt vermeide. Und doch scheinen welche einen sixth sense zu haben oder fühlen das irgendwie den trotzdem sehen sie mich manchmal obwohl ich versuche alles sehr schnell zu machen. Well, ich hoffe das Street photography in Deutschland nicht ausstirbt. Es ist wie schon gesagt einen Kunst Ausdruck und etwas für die Nachwelt, damit sie sehen wie es war in unsere Zeit.

    Ich bin kein großer fotograph und um ehrlich zu sein habe ich die Passion dafür erst vor wenigen Jahren entdeckt und lerne noch. Aber alle die, die sagen – fragen sie doch die Person bevor sie es tun. Was bleibt dann noch an sponanität und originalität. Garnichts. Ich hoffe das man irgendwie die Street photography retten kann.

  10. […] Den folgenden Artikel schreibe ich vor dem Hintergrund eines schon älteren aber nach wie vor ungeklärten Streits über die Streetfotografie. Der Fotograf Espen Schweighöfer hat im Rahmen einer Kunstausstellung unter anderem ein Bild von einer Person im öffentlichen Raum veröffentlicht. Ungefragt. Die Person – eine Frau, die über einen Zebrastreifen geht – hat sich erkannt. Und geklagt. Espen Schweighöfer beruft sich auf die Kunstfreiheit. Ob diese nun in diesem Fall höher bewertet werden muss als das Persönlichkeitsrecht, ist leider noch immer nicht klar. Ein aufschlussreiches Interview mit Espen Schweighöfer gibt es bei 22places.de. […]

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